• Lilian Christ

Aus dem Tagebuch einer Autorin

Mein Kartoffelmännchen und ich (Teil 1)


04. September


Bei uns findet eine größere Feier statt. Dafür habe ich meinen Schreibvormittag geopfert und kräftig eingekauft. Nun steht Kartoffelsalat auf meiner To-do-Liste. Ich greife also in die große Papiertüte, die ich vom Hofladen mitgebracht habe, und ziehe eine ungewöhnliche Kartoffel heraus. "Toll", denke ich und stelle sie auf die Dunstabzugshaube, um sie mir später genauer anzuschauen. Am Abend, die letzten Gäste sind gegangen, ich räume gerade die Spülmaschine ein, sagt plötzlich ein Stimmchen: "Schön war's". "Hmmm", brumme ich. "Also, ich hatte den Eindruck, alle haben sich sehr wohl gefühlt", meint das Stimmchen. "Du hast also gar keinen Grund, so brummelig zu sein." "Hmmm", brumme ich wieder. Ich schaue mir die Kartoffel auf der Dunstabzugshaube, die gerade zu mir gesprochen hat, an. Aha! Ein kleines Kartoffelmännchen! Schnell bekommt es Augen, Nase und Mund aufgemalt. "Danke", sagt es. "Gerne geschehen", grinse ich. Und dann überlege ich ganz kurz, ob ich vielleicht etwas zu tief ins Glas geschaut habe, unterhalte ich mich doch gerade mit einer Kartoffel. "Es war doch mal eine schöne Auszeit vom Alltag", sagt es. "Stimmt", nicke ich. "Es hat doch das Wirgefühl gestärkt ... oder?" "Schon", murmele ich. "Und es hat Spaß gemacht", sagt es. "Ja, hat es", antworte ich. Mein Mann meldet sich aus dem ersten Stock und fragt, ob alles ok ist und ob er mir noch etwas helfen kann. Er hat mich vermutlich reden gehört. "Nein, Schatz, alles gut", rufe ich. Dann lösche ich lächelnd das Licht und bewege meine schmerzenden Knochen Richtung Bett. Nicht ohne gedanklich dem Kartoffelmännchen eine wunderschöne gute Nacht gewünscht zu haben.

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